Vom Glück in Frankreich

Frankreich, Provence, das letzte Viertel meiner Reise ist in vollem Gange. Und dass sich das hauptsächlich auf einer Art Bauernhof abspielen würde, hätte ich nun wirklich nicht gedacht. Keine langen Strecken mehr, kaum Rastlosigkeit und das Bedürfnis, noch dies, das, diese Schlucht, diesen Strand, diese Küste sehen zu wollen. In mir drin finde ich momentan hauptsächlich Freude, Dankbarkeit und tatsächlich Entspannung.

Ludovic und Marie-Anne hatten auf der Workaway-Website darum gebeten, dass der Workawayer (in diesem Fall ich) mindestens eine Woche bleibt, damit man sich richtig kennen lernen kann. Ich hatte mir vor meiner Ankunft gedacht, dass ich einfach weiterfahre, sollte ich mich nicht wohlfühlen. Inzwischen ist die zweite Woche auf dem kleinen Selbsversorgerhof fast rum und aufgrund der heranrollenden Hitzewelle, während der ich nun wirklich nicht im Auto sitzen möchte, verlängere ich höchstwahrscheinlich auf drei Wochen. Länger geht nicht, denn dann muss ich wirklich nach Hause.

Was mich hier so lange bleiben lässt und so glücklich macht? Ganz genau weiß ich es natürlich nicht. Aber ich weiß, dass ich ein großer Fan von Routinen bin. Die können ganz klein und unauffällig sein; egal wo und wie lange ich bisher war, ich habe überall in und um Bärbel herum kleine Regelmäßigkeit entwickelt, die mir Sicherheit gegeben haben. Das heißt nicht, dass es mir schwerfällt aus diesen Routinen auch wieder auszubrechen. Und hier ist das Befriedigende, dass alle entstehenden Routinen vollkommenen Sinn ergeben.

Der Tag startet so früh es eben geht, aber ohne Wecker. Dann werden zunächst einige aufgeregte Hunde und sehr fordernde Katzen gefüttert, anschließend die Hühner versorgt, dafür gibt’s dann später ein paar Eier geschenkt. Dann gibt’s französisches Frühstück: unaufgeregt und entspannt. Und nun folgt der Teil der jeden Tag anders ist und der die Routine aufbricht und das Leben spannend macht (auch wenn das jetzt etwas hochtrabend klingt, habe aber keine andere Ausdrucksweise gefunden).

Es muss Holz für den Winter gemacht werden, Unkraut gejätet, Ungeziefer vernichtet, Hühnerställe ausgemistet, Heu gestapelt werden. Die reifen Obst- und Gemüsesorten müssen geerntet und verarbeitet werden, anschließend müssen Beete umgegraben und für die neue Aussaat vorbereitet werden. Die Pferde müssen getränkt werden und die Weide in Schuss gehalten. Der Tagesablauf ist eine Mischung aus Fremdbestimmung durch Garten und Natur und der Möglichkeit, sich die besten Aufgaben herauszupicken, neue Dinge zu lernen und/oder das zu machen, was man einfach gut kann. In meinem Fall also das Obst ernten, aus dem ich den besten Kuchen backe. 😉

Wenn der Vormittag vorbei ist und der Magen knurrt, gibt es eine ausgedehnte Mittagspause und je nach Temperatur werden am späten Nachmittag noch Restarbeiten erledigt. Wenn es zu heiß ist, beschränken sich die Tagesordnungspunkte aber auf Baden in der Ardèche oder Schlafen im Liegestuhl. Es gibt übrigens kein einziges langatmiges Gespräch darüber, was wann zu Essen gemacht wird. Denn es ist ganz einfach: Gegessen wird das, was der Garten abwirft. Sollte das ausnahmsweise mal nicht reichen, lagern auf jeden Fall noch Reste der vergangenen Ernte in der Tiefkühltruhe. Und wenn das Mittagessen zu viel war, gibt es die Reste halt am Abend nochmal – spätestens am nächsten Tag werden sie dann endgültig vernichtet. Keine Eitelkeiten und keine Kompliziertheit.

Und am Ende des Tages hatte jede einzelne meiner Tätigkeiten einen Sinn. Das ist ein so wahnsinnig gutes Gefühl, das könnte rauschhaft wirken.

Rauschhaft wirken natürlich auch der Wein (ich teste mich gerade durch diverse Rosé-Sorten) und das fantastische Essen. Nicht nur das aus dem Garten, sondern auch das, was es so generell in Frankreich gibt. Ich bin verliebt und zwar stark. Und daran halte ich mich noch ein bisschen fest, auch wenn ich weiß, dass der Liebeskummer später unausweichlich ist.

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Camargue II

Wow. Muss gerade einmal nachdenken, wann ich das letzte Mal Zeit und Muße hatte, einen richtigen Text zu verfassen und komme nicht richtig drauf. In den vergangenen Wochen war wahnsinnig viel los – mehr innen als außen – und ich konnte vieles direkt mit meinen jeweiligen Reisekumpanen ausdiskutieren.

Momentan bin ich also das erste Mal seit Wochen wieder für ein paar Tage alleine unterwegs und steuere so meinen letzten vier Sabbatical-Wochen entgegen. Erstes Ziel der finalen Etappe ist die Camargue. Vor 13 oder 14 Jahren war ich schonmal hier und hatte eine sehr grobe Erinnerung daran, dass es mir wahnsinnig gut gefallen hatte. Sumpf, Kühe, Pferde, Flamingos, Strand, Meer, super.

Nachdem die Suche nach einem schönen freien Stellplatz gestern nach vielstündiger Fahrt erfolglos war, bin ich schließlich auf einem Campingplatz ziemlich direkt am Meer gelandet. Ich glaube sogar, es ist genau derselbe Campingplatz, auf dem ich damals, mit frischem Führerschein, altem Auto, kleinem Zelt und meiner damaligen besten Freundin untergekommen war. In meiner Erinnerung war der Platz wildromantisch, das Zelt hatten wir fast direkt auf dem Sand aufgebaut und zu unseren Nachbarn gehörten drei fahrradfahrende Schweizer – einer davon mit vollem Lockenkopf, in den ich mich schwer verknallt hatte. Leider unglücklich: Die Nachbarin aus Künzelsau, die wesentlich offener mit ihrer Zuneigung umgehen konnte als ich, hat ihn sich geschnappt.

Heute stehe ich mit Bärbel auf vertrocknetem Rasen zwischen dickbäuchigen Rentnern und zwei Nächte gab’s zum Schnapperpreis von 76 Euro. Den Urlaub damals haben wir übrigens vorzeitig abgebrochen, weil uns das Geld ausgegangen war. Wundert mich heute nicht mehr, auch wenn die französischen Spirit-, Maut- und Campingpreise sich über die Jahre bestimmt noch weiter nach oben entwickelt haben.

Landschaftlich ist die Camargue trotzdem noch eine m einer liebsten Gegenden. Ich habe schon Flamingos gesehen, überall laufen Pferdchen herum und die imposanten Rinder sind auch einen zweiten Blick wert. Und das Essen! Ist natürlich auch nicht zu verachten. Ich dachte ja zu Beginn meiner Reise, dass ich ein bisschen schlanker nach Hause kommen würde, als ich gestartet bin. Dieses Vorhaben habe ich mit Frankreich als letzter Station nun definitiv über den Haufen geworfen. Ich habe ein bisschen mehr Körper als vor drei Monaten und bin mit mir selbst den Kompromiss eingegangen, den dann wenigstens schön braun zu kriegen um nach der Rückkehr möglichst viele Komplimente abzusahnen. Und im Sommer muss ich ja eh keine Jeans tragen. Wie praktisch also, dass ich mich gerade schamlos zwischen die Strand-Touristen legen kann um meinen Teint zu pflegen.

Nächste Woche geht es dann ein Ministück weiter nach Norden, in die Provence. Dort helfe ich für eine Weile auf einem Hof aus: Tiere füttern, Gartenarbeit und was noch so anfallen könnte. Ich bin sehr gespannt, wie ich das finde und werde natürlich berichten. Jetzt aber erstmal wieder: Füße hoch und Sonnenbrille auf.

Der Schweinehund

An den meisten Tagen meines Lebens bin ich ultrafaul. Ich bin tendenziell schwer zu begeistern, neige zu Pessimismus und bin meistens desinteressiert an fremden Menschen. Wenn es möglich wäre, ohne fett, depressiv und dumm zu werden, jeden Tag auf der Couch zu liegen und abwechselnd Pizza und Kekse zu essen, würde mein Innerstes Freudensprünge machen, während mein Äußeres sich einfach gar nicht mehr bewegen würde.

Ich habe keinen Drang, Zustände zu erforschen, oder neue Dinge zu entdecken. Bärbel hat zum Beispiel zwei Radios. Eins funktioniert, eins nicht. Ich habe keine Ahnung, warum das eine Sender empfängt und welche Antenne dafür genutzt wird. Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, die Kabel zu verfolgen oder mich mit einer möglichen Reparatur des anderen Radios auseinanderzusetzen. Sehr zum Unverständnis der meisten Besucher, die Bärbel von Innen sehen.

Diese gesamte Reise ist für mich also ein andauernder Kampf mit mir selbst, gemeinsam mit dem rationalen Teil meines Gehirns gegen den inneren Schweinehund. Genau deswegen macht es mich auch so oft wahnsinnig, wenn Leute mir sagen, ich solle einfach tun, was ich möchte. Diese Reise sei doch genau dazu da, um nur die Orte zu entdecken, die ich sehen möchte, nur die Strecken zu fahren, die mich interessieren und nur die Kulturen kennen zu lernen, die ich kennen lernen möchte. Und alles sei erlaubt und alles sei ok. Bla.

Hätte ich während meiner Auszeit bisher nur nach meinem Bauchgefühl gehandelt, hätte ich Deutschland womöglich nicht verlassen, vielleicht noch nicht mal Hamburg. Ich hätte hauptsächlich geschlafen, gegessen und alle Serien gebingt, die sämtliche Streamingdienste auf meine Geräte gesendet hätten. Das hätte mein Bauch gewollt und das wäre meine, emotional gesehen, erste Wahl für die Zeit ohne Pflichten und ohne äußere Erwartungen gewesen.

Rational aber weiß ich sehr wohl, dass es mir gut tut, Sport zu machen. Dass es mir Spaß macht, im Meer zu sein oder durch die Berge zu wandern. Dass ich nicht nur wegen des Hundes und der Vitamin-D-Zufuhr Zeit in der Natur verbringen sollte. Und so führt jeder Ortswechsel, jede Aktivität zu einer Debatte mit mir selbst, während der ich mich immer wieder daran erinnern muss, wie gut mir Situation xy in der Vergangenheit getan hat. „Erinnerst du dich noch? Das war so schön. Wenn du jetzt folgende Aktion ausführst, wird sich dieses Glücksgefühl wieder einstellen. Also überwinde dich.“

Das Ziel wäre vielleicht, irgendwann wirklich intuitiv zu wissen, was ich möchte. Bis dahin funktioniert mein Pro-Contra-System im Kopf zwar sehr zäh, aber mit zufriedenstellenden Ergebnissen.

Die Halbzeit-Bremse

Ob die Vögel vielleicht auf Koks sind, habe ich mich gefragt. Selbst das Rauschen des Windes in den Wipfeln der Pinien, der Oliven- und Obstbäume übertönen sie noch. Und das Rauschen ist wirklich laut. Vielleicht haben sie auch einfach wahnsinnig gute Laune. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Ich hätte die wohl auch, wenn ich täglich auf dieses Fleckchen Erde herunterschauen würde und nichts anderes zu tun hätte, als die Parasiten von den Weinreben zu sammeln, damit der Winzer keine Schadstoffe verwenden muss. So funktioniert das nämlich, hat José gesagt. José und seine Familie betreiben die Quinta da Padrela im Douro-Tal. Knapp 30.000 Flaschen Wein produzieren sie pro Jahr. Ein Teil davon geht sogar nach Hamburg – gut für mich.

Als ich hier gestern ankam, nach einer zu langen Fahrt und einer frustrierenden Zeit voller Strände, die ich nicht richtig mochte und voller Momente, die mich eher deprimiert als motiviert zurückgelassen haben, da dachte ich ernsthaft, dass es das Paradies also doch gäbe. Auf einer Wiese mitten in den Weinbergen bietet José gemeinsam mit seiner Schwester und seinem Schwager Wohnmobilen und Bullis eine Übernachtungsmöglichkeit. Der Platz inklusive WLAN kostet nichts, nada, niente. Das Gästehaus ist momentan nicht vermietet, also kann die Toilette dort genutzt werden. Natürlich ebenfalls kostenlos. Und wenn irgendwas ist, „you have my contact number, just call me and we will fix it.“ Die zufällig fünf Minuten nach meiner Ankunft beginnende Weinprobe („No, of course we do not charge for wine tastings!“) hatte natürlich ebenfalls Anteil an der Stimmungsverbesserung.

Während ich mir also gerade das zweite Glas Restrosé von gestern einschenke und meine Füße in die Sonne halte (fighting the tan lines), merke ich, wie sehr ich diesen Ort gebraucht habe. Und dass Koks echt nicht nötig ist, um die Aussicht euphorisierend zu finden. Und wie jetzt Euphorie mit absoluter Entspannung zusammengeht, weiß ich zwar auch nicht, aber de facto sind das gerade die beiden Gefühle, die den Hauptteil meines Innenlebens ausmachen.

Die Ernte vom letzten Jahr ist gerade in Flaschen gefüllt worden, dieses Jahr geht es erst im September wieder los mit dem Traubenpflücken. Die Oliven werden im Dezember geerntet und alles, was jetzt zu tun ist, spielt sich dort ab, wo der Besucher nicht hingucken kann. Das heißt, es wirkt alles ein bisschen so wie im Winterschlaf, nur mit besseren Temperaturen. („If you stay with us, you can use the swimming pool. The weather is getting better tomorrow.“) Klar, why not? Ich habe nichts besseres zu tun.

Das Bergfest meiner Reise hat mich ein bisschen fertig gemacht. Zu wissen, dass die Hälfte vorbei ist („Was zur Hölle habe ich denn bis jetzt gemacht?“) und gleichzeitig zu wissen, dass die gleiche Zeit nochmal auf mich zukommt („Wie soll ich das überstehen, ich will nach Hause, ich vermisse meine Freunde.“) hat zu vielen Plänen und vielen Verwerfungen geführt. Zu unsinnigem Aktionismus, Lähmung und emotionalen Ausbrüchen. Ich habe also sehr viel geheult.

Auch jetzt heule ich natürlich wieder. Aber aus Dankbarkeit und aus (Vor-)freude und ok, ein bisschen auch wegen dem Alkohol.

José kam gerad vorbei („Is everything ok?“) also hab ich mir schnell übers Gesicht gewischt und eine Flasche vom Portwein gekauft, den sein Vater gemacht hat und der nur gegen Cash unter der Hand verkauft wird. Jetzt geht’s mir wieder besser, denn viel hilft ja bekanntlich viel und so eine Flasche ohne Etikett mit leckerem Inhalt macht immer und überall was her. Hach, is dat schön hier. Und plötzlich fühlt sich Verweilen eben nicht mehr nach Lähmung an.

Urlaub in Spanien

Dieser Text ist längst überfällig. Vor zwei Wochen hing ich nach mehr als einem Monat immer noch an der Algarve ab und bekam endlich Hummeln im Hintern. Ich bin nach Südspanien gefahren und da zum Ende hin irgendwie … verschütt gegangen. Aufschreiben wollte ich meine Erlebnisse schon seit Tagen. Aber dann hatte der Laptop keinen Akku, ich kein Internet oder überhaupt Empfang und außerdem war ich hochemotional und musste zwischen den diversen Heulereien erstmal die Tastatur finden. Aber der Reihe nach. Ist auch alles nur halb so schlimm natürlich.

Ich bin also in Richtung Sevilla aufgebrochen, habe mir die Stadt angesehen, ein kleines (sehr unspannendes) Date gehabt, ein bisschen geshoppt. So richtig hat es mich da nicht gepackt. Also ging es sehr schnell weiter Richtung Süden, ein Tourifoto im Regen vor der Ronda-Brücke machen, weiße Dörfer ansehen, ich habe kurz in Gibraltar gestoppt und mich sehr schnell gefragt „Warum?“, dann weiter nach Tarifa, El Palmar, Conil und Cádiz. Das mit Südspanien und mir, das war keine so richtig emotionale Liebesgeschichte. Keine Frage, weiße Sandstrände an türkisfarbenem Wasser hätten mich in einer anderen Situation bestimmt umgehauen. Aber nach den aufregend unterschiedlichen Buchten Südportugals habe ich die Strände hier als eher fad, das Wasser als langweilig mittelmeerig empfunden. Gefunkt hat es jedenfalls nicht. Gut, in den Bergen, da war ich schon schwer verliebt. Bei Wind und Regen kommt so eine Affäre aber nur schwerlich in Schwung, da muss man schon echt dranbleiben. Und dafür fehlte mir schlicht die Geduld.

An der Küste habe ich mich dann aufs Schlendern durch weiße Gassen, Rumliegen am Strand und das böse Shoppen und Auswärtsessen konzentriert. Alles ein bisschen lustlos, alles vollkommen ok. Muss ja nicht immer alles auf einer zehn laufen, habe ich mir gesagt. Und zurück nach Portugal fährst du sowieso. Und das auch schon gleich am nächsten Tag, wie ich mir vorgenommen hatte. Für die letzte Nacht musste ich also nur noch einen geeigneten Schlafplatz finden. Wer es jetzt noch nicht gemerkt hat: Hoch waren die Erwartungen nicht.

Und dann ist plötzlich was passiert. Verzeiht mir das Pathos, aber ich glaube schon, dass das Schicksal hier eine kleine Nebenrolle gespielt hat. Vielleicht standen auch einfach die Sterne besonders günstig zueinander, wer weiß das schon.

Stehen also fünf Menschen auf einem Parkplatz am Meer. Jeweils zwei kennen sich einigermaßen oder sehr gut, eine kennt keinen. Die ersten Dosen Bier werden geleert, die erste Flasche Rotwein geöffnet, während die Sonne zielstrebig aufs Meer zusteuert. Keiner schlägt es vor, aber selbstverständlich gehen wir alle zusammen essen. Und selbstverständlich gibt es auch dabei wieder eine Menge Rotwein. Und selbstverständlich stellen wir schnell fest, dass wir uns im echten Leben niemals getroffen hätten – aus verschiedensten Gründen. Dass wir aber irgendwie alle auf einer ähnlichen Reise sind. Die Nacht ist sehr kurz und der nächste Tag hart verkatert. Selbstverständlich fahre ich noch nicht und selbstverständlich wird morgens gemeinsam gefrühstückt und abends gemeinsam im Sonnenuntergang am Strand gegessen.

Das hört sich alles fürchterlich unspektakulär an, aber ich kann guten Gewissens für uns alle sprechen, wenn ich sage, dass die Atmosphäre an diesen zwei Tagen aus unerfindlichen Gründen nicht so war, wie bei jeder beliebigen Reisebekanntschaft. Das soll das Ganze nicht größer machen, als es war. Wer mich gut kennt weiß, dass mein Fluchtinstinkt sowieso spätestens an Tag 2 angesprungen ist. Und ich bin weiterhin der Überzeugung, dass so eine Verbindung nur zustande kommen kann, wenn man weiß, dass man sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht wiedersieht. Auch wenn meine temporäre Reisegruppe mir da widersprechen würde. Und vielleicht haben die Romantiker unter uns ja auch recht und es gab da irgendeine Magie.

Ein bisschen geflüchtet bin ich schlussendlich doch (wie immer) – aber die meisten haben mich nicht ganz gelassen.

Stay tuned.

Let’s talk about cash, baby

Seit knapp zwei Monaten erfahre ich nun schon die schönsten Küsten, Klippen und Strände Portugals. Entdecke Städte, kleine Orte und Dörfer – mal mehr, mal weniger touristisch. Morgens entscheide ich je nach Lust und Wetter, ob es ein fauler Bullitag mit Buch und Podcast, ein Strandtag, ein Wandertag oder ein Tag zum Location wechseln wird. Abends entscheide ich, ob ich koche oder snacke und ob dies wirklich der Stellplatz für die Nacht werden soll. Es fühlt sich oft so an, als befände ich mich in einem sehr langen Urlaub.

Egal, wo ich bin – überall gibt es natürlich Restaurants, Cafés, Hipster-Absteigen und echte lokale Geheimtipps. Überall werden Andenken, wunderschöne Keramik, Tücher, Handtaschen und was auch immer das Touri-Herz noch so begehren könnte, angeboten. Für den Wohlfühlfaktor ist das super, für mein Portemonnaie kann das allerdings sehr schmerzhaft werden.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich neige dazu, im Urlaub deutlich verschwenderischer mit Geld umzugehen, als im Alltag. Und auch im Alltag bin ich nicht besonders gut darin, meine Groschen zusammenzuhalten. Also habe ich mir vorbeugenderweise ein klar definiertes Budget für meine Reise auferlegt. Dazu habe ich verschiedene Apps getestet, bin aber schlussendlich bei der guten alten Excel-Tabelle bzw. Numbers gelandet. Meine Anforderungen an die Urlaubsbuchhaltung werden davon zufriedenstellend abgedeckt und solange ich regelmäßig eintrage, habe ich meine Finanzen super im Blick.

Aufgeteilt habe ich meine Eintragungen in feste und variable Ausgaben. Sparverträge, Handykosten, Versicherungen und bestimmte Abos fallen ja weiterhin an. Eine kurze (sehr oberflächliche) Recherche im Vorhinein hat gezeigt, dass die meisten Bulli-Reisenden sich ein Budget von 30-40 Euro täglich gönnen. Ich habe das für mich und meine finanziellen Möglichkeiten grob kalkuliert und bin bei 1.000 Euro monatlich gelandet, die mir zur Verfügung stehen. Da ich während des Sabbaticals weiterhin mein halbes Gehalt bekomme, habe ich regelmäßig einen positiven Finanzfluss auf dem Konto, was für einen Spar-Leghasteniker wie mich ein Segen ist. Die 1.000 Euro lassen mir noch ein bisschen Luft nach oben, falls Bärbel unerwartet die Grätsche machen sollte, oder andere überraschende Ausgaben anstehen.

Im März hat meine Finanzplanung super funktioniert. Ich habe nur um 86 Euro überzogen und das waren in etwa die Kosten für die zwei Klamotten-Pakete, die ich nach Hause geschickt habe. Allerdings kam die im Vorhinein erdachte Aufteilung nicht ganz hin. Zwar lag ich ganz richtig mit der Einschätzung, dass für Lebensmittel und Sprit die größten Posten anfallen würden, allerdings habe ich beide um jeweils knapp 100 Euro überzogen. Auf der anderen Seite hat Flora mich im März überhaupt nichts gekostet, weil meine Futter-Vorräte noch groß genug waren und für Unterkünfte, Duschen, Waschen und Maut habe ich wenig bis gar nichts ausgegeben.

Im April hat sich aber scheinbar das Urlaubsgefühl ein bisschen breit gemacht. Ich war deutlich fauler, was die Nahrungsplanung angeht, habe öfter auswärts gegessen anstatt zu kochen und habe es mit den Freizeitausgaben nicht so genau genommen. Ich war shoppen, habe Surfstunden genommen, mir ein Surfboard und einen Neoprenanzug gekauft. Hupsi – da war mein Budget schon vor Monatsende erreicht, obwohl ich wesentlich weniger Kilometer gemacht habe. Die Algarve hatte mich ja bis vor Kurzem noch fest im Griff.

Für den Mai heißt das also: Den inneren Pfennigfuchser an die Luft lassen. Mal gucken, ob ich den bei mir finde. Konkret plane ich für Lebensmittel und Sprit jeweils 350 Euro, wobei ich versuchen werde, weniger Geld in Cafés und Restaurants zu lassen und disziplinierter zu kochen. Und ansonsten: Geld zusammenhalten und Shoppingverbot.

Aufbruchstimmung

Ich bin so aufgeregt. Fast hätte ich ja gedacht, dieses Gefühl würde mich auf dieser Reise nie wieder beglücken, aber schon gestern hatte ich so unbestimmtes Ziehen im Magen, das suggeriert hat, Weiterzuziehen könnte bald vielleicht eine gute Idee sein. Meine Liebesaffäre mit der Algarve ist zwar noch lange nicht vorbei, aber ich habe in Bezug auf die Orte hier inzwischen eher das Gefühl einer festen Beziehung. Und in einer solchen verträgt man ja durchaus ein bisschen Abstand voneinander, ohne sich zu entfremden.

Und als ich heute Morgen aufgewacht bin, war ich mir zu 100 Prozent sicher: Es wird Zeit. Ich habe Bock auf neue Landschaften, neue Orte und neue Menschen. So toll das ist, dass ich hier inzwischen gegrüßt werde, wenn ich mein übliches (und nicht besonders innovatives) Dreieck zwischen Aljezur, Lagos und Sagres abfahre, so sehr freue ich mich jetzt endlich wieder auf Unbekanntes, auf Abenteuer und auf neue Ausblicke beim Aufwachen.

Um meinem Abschied ein wenig die Überstürztheit zu nehmen, lade ich gerade nochmal alle meine technischen Devices beim Hipsterfrühstück in meinem Stammcafé, betreibe minimale Routenplanung, tanke anschließend Bärbel auf, sende ein Stoßriemengebet in Richtung desjenigen, der sich zuständig fühlt, checke Öl und Luftdruck und dann geht’s los.

Wohin verrate ich, wenn ich ein erstes Etappenziel erreicht habe. Nur so viel: Logisch ist das alles ja schon lange nicht mehr, warum also jetzt damit anfangen?